Elsoffer Borsche - Mer wornse, orrer: - De verungläckte Zocht. - online-Mitmachwörterbuch Wittgensteiner Platt

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Elsoffer Borsche - Mer wornse, orrer: - De verungläckte Zocht.

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Elsoff

Elsoffer Borsche
Mer wornse! – orrer: De verungläggte Zocht!
 
           Da Robert woar sächse, ëch sewwe un da Koarl neine, un ma hogden mer insen blanke zergratzde Knie em fatte Maigros. Veer ins, en guld-gähle Summerdoore stüng e Reih Zigorrkestcher med veele kleene Lecher em Däggel. Ennewannich dränne harren mer Abbelblarrer unn freschen Mai. Un wenn ma da Däggel offmoochden, da bewejede sech alles, da woar das wie ën Knüwwel. Vull Maikäfer harren ma de Keste! Do woarn klene un große, hällere un dungelere, Manncher unn Weibcher. Do woarn na ö bei, dänn fahlte en Flejel orrer e Beh orrer en Fiehler. Awwer jerer vo ins hatt ö noch e besunner Kestche, das woar was feer sech: Do harren mer de Miller dränne. Ja, de Miller, das woarn noch Maikäfer! Die sogen aus, als wenn se med weesser Saire ewwerzoge wern. Se woarn selten un vielleicht jerer hunnerdste woar en Miller.
  
Wenn mer de Owend ee der Dämmeringe de Abbelbeme resselten, wenn de Maikäfer manchmol wie gleene Beeneschworme ewwersche herfillen un mer fongen dabei söwas Seltenes, da riefen mer: „Ech hon en Miller,“ un her kopam ee ne eaxdra Kestche. Un wenn mer düschden, da kreejen mer fer en Miller zwäscher fönf un zah braune, je nodämm, wie de Nofroge woar.

En scheene Daag saat der Koarl: „Ech wees was, mer mürren ins de Miller sälwer zieh!“ Wenn mer ö noch sö glää woarn, mer wossden schon, was mer wullen. Orscht froren mer ins: Hotts öweerhöpt Wert, flijjen se des annere Johr ned no Alertshause orrer Berrelhause? Da Koarl saat: „Die bleiwen hie, wie de Mansche un de Dierer ö.“ Ech saat: „De Schwalcher machen ö fort.“ Awwer da Koarl lüss das net gäell un mende, das wern nür Seldenhäre.

Un weil mer wossden, derres Osse un Fassekalwer gab, bein Biebcher Hähne un Hinnercher, bein Katze Korrer un Katzcher, Hunne un Mürrerhunne, Horsche un Horschkieh, Rehbeege un Reha, süchten meer voa insen Braune orscht mol alle Manncher un Weibcher ausenanner. De braune Manncher lüssen mer flijje, wenn mer verher gegüggt harren, wie se Luft bumbden. Donoh woarren de Miller off de braune Weibcher vadäält un bei se ee de Keste gedah. No langer Engerhaalingewoarn mer ins gloar dodrewwer, derres sö em annere Johr veel meh Miller gäwe müssde, un wenns güng, wullen mersche ned meh düsche, da wullen mersche verköfe. Alle poar Dage lüssen mer inse Zocht flijje un fingen nöwwe Braune, de Miller behüllen mer bes zületzt.

Un wie de Maikäferzeit remm woar un mer gläne Borsche em Gras lagen, do sogen mer ne degge Hummel off´ner Blümme. Mer wordeten, bes se sech schee vullgesoge hat un ned meh schnäll flijje kunn, un da gings hänger na her. De Maikäfer woarn vergässe, un mer maachden Kestcher met Hummelnäster. Dehäme hollden mer Honig un fürrerden de Hummel, streeren drewwer, was Moos- unn Stähhummel woarn, wie de Kenijin aussog un wie die annere.

Mer maachden ö Hübbe unn Peffe, Waaldhorner un Flitzeboge. Faule Stänne woarren gesücht un Träjelcher draus geschnätzt. De degge Schoale voarn Lorche gab gläne Schiffcher. Mer schnätzden sö schee, maachden en Mast un voa nem Stegge Stoff e Sejel droff. Wenn de Fichde rechdig em Hoarz woarn maachden mer „Saddlerknoore“ un woarren mer dobei awescht, da krejen mer´z Fäll gedrasche. Voa Hassel maachden mer „Haasegnorr“. Voa Hassel-Schäncher worren „Beerekorbcher“ gemaachd.

Un da de Bach! Enn Kumb maachden mer näwer dem annere, vull Greese 1), Grongel 2), Neidierer 3) un Boartbotzer 4).

Öh de Vejjel haarre´s ins agedah. Do güggden mer, wie de Grasmägge ähre Eier lären un ausbriddeden. Un wenn de Vejjelcher hösse woarn un de Schnoawel offschborrden, da daaren mern gläne Röbbcher nee. ´s gab naud eh da Nadür, was mer ned woßten orrer ned versücht herren ze versteh.          

Ee Johr ging remm, un werrer kam da Mai. Awwer es woar ne schlaachtes Maikäferjohr! Mer woarn ö ee Johr aller woarn un woßten nü, des mer frihesdens ee nomol drei Johr off inse Zocht räche kunnen. Das dührde ins ze lange, un mer fingen inse Maikäfer wie frieher unn lüssen se mache, was se wullen.

Donoh güggden mer werrer non Vejjel, maachden Hübbe unn grongelden, de Stälze worren hejer, un aus däm Flizzeboge woarre ne Armbrost.

Wenn ech haure ee der Zeiringe läsen, dass enn Maikäfer dausend Mork kostet, da woarn mer doch offem rechtige Wäg. Ehr liewe Leire, was worre haure en Miller koste? – Unn mer sein oarme Schlugger gebleewe!
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Wissenschaftliche Bezeichnungen der von Kurt Hüster im Text genanntenFischarten:
1) Phoxinus phoxinus (6-10 cm), 2) Cottus gobio (bis 15 cm), 3) Lampetra planeri (15-19 cm), Noemacheilus barbatulus (10-18 cm). Alle genannten Arten sind heute in ihrem Bestand gefährdet oder vom Aussterben bedroht!
Elsoff

Elsoffer Burschen
 
So waren wir – oder: Die verunglückte Zucht

 
 
Der Robert war sechs, ich sieben und der Karl neun Jahre alt, und wir hockten mit unseren blanken, zerkratzten Knien im fetten Maigras. Vor uns, in den goldgelben Löwenzähnen stand eine Reihe Zigarrenkistchen mit vielen kleinen Löchern im Deckel. Inwendig drinnen hatten wir Apfelblätter und frischen Mai. Und wenn wir den Deckel aufmachten dann bewegte sich alles, da war das wie ein Knäuel. Voller Maikäfer hatten wir die Kiste. Da waren kleine und große, hellere und dunklere, Männchen und Weibchen. Da waren auch welche bei, denen fehlte ein Flügel oder ein Bein oder ein Fühler. Aber jeder von uns hatte auch noch ein besonderes Kistchen, das war was für sich: Da hatten wir die „Müller“ drinnen! Ja, die Müller, das waren noch Maikäfer! Die sahen aus, als wenn sie mit weißer Seide überzogen wären. Sie waren selten, und vielleicht jeder hundertste war ein Müller.
 
 
         
Wenn wir des Abends in der Dämmerung die Apfelbäume schüttelten, wenn die Maikäfer manchmal wie kleine Bienenschwärme über sie herfielen und wir fanden dabei so etwas Seltenes, dann riefen wir: „Ich hab einen Müller“, und er kam in ein extra Kistchen. Und wenn wir tauschten, dann kriegten wir für einen Müller zwischen fünf und zehn braune, je nachdem, wie die Nachfrage war.
 
 

Eines schönen Tages sagte der Karl: „Ich weiß was, wir müssen uns die Müller selbst ziehen!“ Wenn wir auch noch so klein waren, wir wussten schon, was wir wollten. Erst fragten wir uns: Hat es überhaupt Wert; fliegen sie das andere Jahr nicht nach Alertshausen oder Beddelhausen? Der Karl sagte: „ Die bleiben hier, wie die Menschen und die Tiere auch." Ich sagte: „ Die Schwalben fliegen auch fort.“ Und der Robert sagte: „Und Zähre sind nach Amerika gegangen.“ Aber der Karl ließ das nicht gelten und meinte, das wären nur Seltenheiten.
 
 

Und weil wir wussten, dass es Ochsen und Fasselkälber gab, bei den Küken Hähne und Hühnchen, bei den Katzen Kater und Kätzchen, Hunde und Mutterhunde, Hirsche und Hirschkühe, Rehböcke und Rehe, suchten wir von unseren Braunen erst mal alle Männchen und Weibchen und trennten sie. Die braunen Männchen ließen wir fliegen, nachdem wir zuvor geguckt hatten, wie sie Luft pumpten. Danach wurden die Müller auf die braunen Weibchen verteilt und zu ihnen in die Kiste getan. Nach langer Unterhaltung waren wir uns klar darüber, dass es so im anderen Jahr viel mehr Müller geben müsste, und wenn´s ging, wollten wir sie nicht mehr tauschen, dann wollten wir sie verkaufen. Alle paar Tage ließen wir unsere Zucht fliegen und fingen neue Braune, die Müller behielten wir bis zuletzt.
 
 

Und als die Maikäferzeit vorbei war und wir kleinen Burschen im Gras lagen, da sahen wir ´ne dicke Hummel auf ´ner Blume. Wir warteten, bis sie sich schön vollgesogen hatte und nicht mehr schnell fliegen konnte, und dann ging´s schnell hinter ihr her. – Die Maikäfer waren vergessen, und wir machten Kistchen mit Hummelnestern. Daheim holten wir Honig und fütterten die Hummeln und stritten darüber, was Moos- und Steinhummeln waren, wie die Königin aussah und wie die anderen.
 
 

Wir machten auch Hupen und Pfeifen, Waldhörner und Flitzebogen (Pfeil und Bogen). „Faule Steine“ wurden gesucht und Trögelchen (kleine Tröge) daraus geschnitzt.
 
 

Die dicke Schale (Rinde) von Lärche gab kleine Schiffchen. Wir schnitzten sie so schön, machten einen Mast und von einem Stück Stoff ein Segel drauf.
 
 

Wenn die Fichten richtig im Harz waren, machten wir „Sattlerknoten“ und wurden wir dabei erwischt, dann kriegten wir das Fell gedroschen. Von Hasel machten wir „Hasenknorr“. Von Hasel-Spänen wurden Beerenkörbchen gemacht.
 
 

Und dann „die“ Bach! Einen „Kumb“ machten wir neben dem anderen, voll mit Elritzen 1), Groppen 2), Bachneunaugen 3) und Gründlingen (Schmerlen) 4).
 
 

Auch die Vögel hatten´s uns angetan. Da guckten wir, wie die Grasmücken ihre Eier legten und ausbrüteten. Und wenn die Vögelchen geschlüpft waren und die Schnäbel aufsperrten,
dann taten wir ihnen kleine Räupchen hinein. Es gab nichts in der Natur, was wir nicht wussten oder versucht hätten zu verstehen.
 
 

Ein Jahr ging rum und wieder kam der Mai. Aber es war ein schlechtes Maikäferjahr! Wir waren auch ein Jahr älter geworden und wussten nun, dass wir frühestens in nochmal drei Jahren auf unsere Zucht rechnen konnten. Das dauerte uns zu lange, und wir fingen unsere Maikäfer wie früher und ließen sie machen was sie wollten.
 
 

Danach guckten wir wieder nach den Vögeln, machten Hupen und fingen Fische (grongele); die Stelzen wurden höher und aus dem Flitzebogen wurde eine Armbrust.
 
 

Wenn ich heute in der Zeitung lese, dass ein Maikäfer tausend Mark kostet, dann waren wir doch auf dem richtigen Weg. Ihr lieben Leute, was würde heute ein Müller kosten?? – Und wir sind arme Schlucker geblieben!!
 
 
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Wissenschaftliche Bezeichnungen der von Kurt Hüster im Text genanntenFischarten:
 
 
1) Phoxinus phoxinus (6-10 cm), 2) Cottus gobio (bis 15 cm), 3) Lampetra planeri (15-19 cm), Noemacheilus barbatulus (10-18 cm). Alle genannten Arten sind heute in ihrem Bestand gefährdet oder vom Aussterben bedroht!
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Dr. Peter Kickartz, 57319 Bad Berleburg - Hemschlar, Hof Rinthersbach. Postalisch: 52074 Aachen, Hans Böckler - Allee 3
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