Schreibweise - online-Mitmachwörterbuch Wittgensteiner Platt

     online - Mitmachwörterbuch Wittgensteiner Platt
                         http://www.wittgensteiner-platt.de
                                              Hgg. von Dr. Peter Kickartz
Title
Direkt zum Seiteninhalt
Meine Website

Meine Website

Schreibweise
 
 
Regeln für die Schreibweise

 
 
Zu unterscheiden sind die Fragestellungen, die mit der Schreibweise einerseits und die mit der Aussprache andererseits zusammenhängen. Zunächst geht es darum, das gesprochenWort richtig aufzuzeichnen. Alsdann handelt es sich darum, das aufgezeichnete Wort gleichklingend als ein gesprochenes zu reproduzieren. Beide Ansätze sind untrennbar miteinander verbunden: die Aufzeichnung dient der Reproduktion; ihr Zweck ist die möglichst authentische Reproduzierbarkeit. Es lässt sich annehmen, dass die Aufzeichnung mit Lautzeichen die Erreichbarkeit des Zieles zwar optimieren, jedoch letztlich nicht vollständig erreichen kann. Jedenfalls setzt sie eine gründliche Schulung derjenigen, die die Lautzeichen bei der Aufzeichnung und beim Nachsprechen anzuwenden haben, voraus.
 
Da auf der Grundlage der schriftlichen Aufzeichnungen alleine eine gleichklingende Reproduktion nicht zu erzielen ist und auf die Hilfe einer Lautumschrift verzichtet werden muss, versucht das Mitmachwrterbuch durch audiovisuelle Begleitung Klang, Melodie und Rhythmus der Sprache zu vermitteln.

1. Birkefehler Regeln

Die Redakteure des Mitmachwörterbuches haben sich am 8. Februar auf ihrem Treffen in Birkefehl auf folgende, die Schreibweise  betreffenden  Regeln verständigt.
(Bei den kursiv gesetzten Teilen handelt es sich um Erläuterungen.)

a)Einheitliche Schreibweise und örtliche Besonderheiten

aa) Die örtlichen Besonderheiten der gemeinsamen Mundart  Wittgensteiner Platt sollen aufgezeichnet werden; eine Nivellierung ist zu vermeiden.

Die Entwicklung und die gegenwärtigen Verhältnisse lassen es fraglich erscheinen, ob die überkommenen mundartlichen Binnenregionen so  wie überkommen eine Zukunft haben. Freilich sind diese Regionen noch fest im Bewusstsein der Wiittgensteiner Mundartsprecher  verankert. Die erhebliche Zuwanderung, die moderne Flexibilität, die Wandlung von der bäuerlichen Gesellschaft zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, die allgegenwäertige und durchdringende Ausstrahlung der Medien und Kommunikationsmittel mit ihrer kulturübergreifenden, nivellierendenTendenz zu Internationalität und Globalität - all dies bewirkt ein Schwinden der Mundart selbst im intimen, familiären Bereich und relativiert zugleich die Bedeutung der mundartlichen Sprach- und Binnenregionen.

bb) Bei gleicher Bedeutung und Sprechweise sollen unterschiedliche Schreibweisen möglichst vermieden, aber auch nicht als falsch behandelt werden.

Soweit es sich nicht um örtliche Besonderheiten handelt, sollten unterschiedliche Schreibweisen möglichst vermieden, jedoch auch nicht als "falsch" abgetan werden. Hier im Rahmen des Mitmachwörterbuches zu einer plausiblen, allgemein akzeptablen einheitlichen Schreibweise zu gelangen, ist eine Aufgabe der Redaktion; dabei könnte es auch darauf ankommen, dogmatisierende Standpunkte zu vermeiden.  

Beispiel: G. Hippenstiel notiert in Wittgenstein III, für den Marienkäfer nebeneinander: "Herrgottsdiache (Bes, Scha), Herrgöttsdierche (Gr, Sas), Hansgadierche (Fi) Golddieache (Gi)." Bei der Schreibweise "Diache" versus "Dierche" handelt es sich wohl eher um eine unterschiedliche Haltung zur r-Vokalisierung und nicht um örtliche Besonderheiten: die einen neigen zur Anlehnung an den akustischen Klang, die anderen zur Anleihe bei der hochdeutschen Schreibweise.

Beispiel: Schreibt man "Chraesdag"mit "k" ("Kräsdag" ?) oder "ch", was in Anlehnung an das Hochdeutsche üblich und auf die Herkunft aus dem Altgriechischen bzw. Lateinischen zurückzuführen ist: ho christos = Christ(os)= Christus, der Gesalbte, d.h.Geburtstag des Gesalbten, Christtag, Weihnachten. Schreibt man dieses Wort mit "e" ("Chresdag") oder mit ä"("Chräsdag") ? Ob man "-daag" mit"aa" odermit "a" schreiben sollte, gehört zu den Fragen, die mit den langen Vokalen zusammenhängen. Diese Varianten findet man ,wobei anzunehmen ist,  dass das Wort wittgensteinweit gleich ausgesprochen wird und gleiche Bedeutung hat. Eine Verständigung auf die Schreibweise "Chräsdaag" scheint nahezuliegen, vorausgesetzt, man hat sich dafür entschieden, "Daag" mit doppeltem "aa" zu schreiben.; ob man "daak" oder "daag" schreibt, hängt mit der Schreibweise der Konsonanten zusammen.

b) Hochdeutsche  Schriftsprache und Verschriftlichung  der Mundart

aa)  Es werden nur die Schrift- und Interpunktionszeichen verwendet, die auch  im Hochdeutschen gebräuchlich sind.

Grundlage der Aufzeichnung sind die 25 Buchstaben des lateinischen Alphabets. Mit den Ansätzzen von Bernd Stremmel (Berghäuser Wörter, S. 619), im Wesentlichen auch von Chr. Hackler (Feudingen, S. XII ff.) und Dieter Möhn (Aufbau, S. 370 ff.vgl. aber auch die Modifikationen bei denGenannten) wird auf die Verwendung einer der Lautumschriften, wie sie in der wissenchaftlichen Mundartforschung üblichsind, verzichtet. Es kommt darauf an zu versuchen, die Mundart (möglichst) fuer jeden "schreibbar" und "lesbar" zu halten. Die Anwendung einer wisenschaftlichen Lautschrift würde die Meisten derjenigen, die zum Mitmachen gewonnen werden sollen, davon abhalten, wenn nicht sogar abschrecken, ist  also im Hinblickauf das Anliegen dieses Mitmachwörterbuches nicht praktikabel.  
 
bb) Mit Rücksicht auf die "Suchfunktion"sind die Umlaute ä, ö und ü durch ae, oe und ue zu ersetzen.
 
Die"Suchfunktion"nötigt dazu, die Umlaute "ä" ="ae", "ö" = "oe" und  "ü" = "ue"  zu  schreiben; sie findet ä, ö und ü nicht. Das fuehrt  gelegentlich zu unschoenen, manchmal zu missverstaendlichen Wortbildern.
 
cc) Liegt eine Anlehnung an die hochdeutsche Schriftsprache nahe, soll sie gesucht und bevorzugt werden, um die Lesbarkeit zu erleichtern und Verfremdungseffekte zu vermeiden.

Beispiele: "ech" - hochdeutsch: "ich" (nicht "esch"); "dichte" - (nicht "dischte", hochdeutsch: dicht, dichten);
"mohle"  - hochdeutsch: "mahlen" = Korn mahlen (nicht "moole"); Chräsdaag, s. vorstehend Buchst. b; Deisch , Dösch oder Desch= Tisch
 
c) Kurze Vokale
 
aa) Die Kürze eines Vokales (i ,e, a, o, u) kann in der Verdoppelung des nachfolgenden Konsonanten Ausdruck finden.
 
z.B. alleweil, bedreppelt (betrübt), Borre (Boden), annere (andere), frässe (fressen)
  
bb) Bei kurzen, wenig betonten Wörtern findet eine Verdopplung nicht statt.
  
z. B. bes (bis), dos (das), wos (was)
  
d) Lange Vokale
  
aa) Lange Vokale können durch Verdoppelung des Vokales, durch angehängtes Dehnungs – h oder durch ein Dehnungs - e kenntlich gemacht werden.
 
z.B. muule (malen, von einem Bild), schee (schön), Johr, Juhr (Jahr), Brieh (Brühe), diep  (tief)
 
bb) Das Dehnungs-h steht nur in solchen Wörtern, deren hochdeutsche Entsprechungen es enthalten.
 
z. B. Mehle (Mühle), mohle (mahlen, vomKorn), Stuehl (Stuhl), Kueh (Kuh)
 
cc) Das lange i wird in der Regel “ie”geschrieben.
 
z. B. schiewe (schieben),  Griewe (Grübchen)
 
Die Kombination einer Längung durch “ie” mit einer Längung durch “h” ist nicht ausgeschlossen.

z.B. mieh (mehr), Brieh (Brühe)
  
Lange Vokale werden gelegentlich auch kraft Tradition ohne Verdopelung  geschrieben (z. B. "ö" - auch).
  
(Plausibel ist auch die Kennzeichnung langer Vokale durch einen Querstrich über dem jeweiligen Vokal;  jedoch wird diese Möglichkeit nicht von allen Schreibprogrammen unterstuetzt.)
 
e) Die Gepflogenheiten der mundartlichen Literatur sind zu beruecksichtigen.
 
vgl. zu den vorstehenden Regeln auch: Regeln für plattdeutsche Rechtschreibung. Bei: SASS. Plattdeutsches  Wörterbuch. Plattdeutsch - Hochdeutsch. Hochdeutsch - Plattdeutsch. Bearb. von Heinrich Kahl und Heinrich Thies. 6. Aufl. Neumünster: Wacholtz 2011.
 
2. r - Vokalisierung
 
Ebenso wie im Hochdeutschen – wohl eher ausgeprägter – vokalisiert die Mundart „r“ gegen „a“. Da sie wesentlich stärker als das Hochdeutsche durch das gesprochene Wort gepraegt ist, liegt es nahe, die von Moehn und Stremmel angewandte Schreibweise vorzuziehen, also z. B.: „fea(r)“, nicht fer (für), „wua(hr)“, nicht wur (wahr), “Dia(r)“, nicht Dier (Tier). Der Annäherung des geschriebenen Wortes an das gesprochene Wort konkurriert allerdings mit einem Verfremdungseffekt im Verhältnis zu dem hochdeutschen Schriftbild, den diese Schreibweise zur Folge haben kann; dies wird an dem Wort "Dia" deutlich, das sich außerdem mit "Dia" (=Lichtbild) überschneidet. Möglicherweise hängt es von einer Abwägung im Einzelfalle ab, welcher Schreibweise der Vorzug zu geben ist. Dabei kann auch die Tradition eine Rolle spielen, sofern eine solche festgestellt werden kann, z.B. in der mundartlichen Literatur.
 
 3. Einzelne Fragen

a)Der unbestimmte Artikel ist überall “e”, “en”, “nem”, “ner” und “ne”zu schreiben.
 
e – ein, eine. Kurzes, unbetontes “e”, unbestimm- terArtikel, f., n., Nominativ.e Fraa, e Kaend” (eine Frau, ein Kind)
en – ein. Kurzes, unbetontes “e”, unbestimmter Artikel, m., Nominativ. en Mann” (ein Mann); dos aerren Mann!” (das ist ein Mann!); “su en Daag!” (so ein Tag!)
nem – einem. Kurzes, unbetontes „e“, unbestimmter Artikel, m. n.,Dativ. „De Schüh vo nem Mann, nem Kaend.“ ( Die Schuhe eines Mannes – wörtl.: von einem Mann, eines Kindes – wörtl.: von einem Kind)
ner/na – einer. Kurzes, unbetontes „e“ bzw. „a“, unbestimmmter Artikel, f., Dativ. „Saa dos muul ner/naFraa!“ (Sag das einmal einer Frau!)
Beachte gleichlautend: en – ihn, welchen. z.B. Wun: „Äs noch Käse du? Jo mer hunn en. (Ist noch Käse da? Ja,wir haben noch welchen.) Hem:  „Host due en ö gesaeh?“ (Hast du ihn auch gesehen)
b) Das Zahlwort „eins“ ist überall „ee“, een, eenem, eener, eens“ zu schreiben. Dies gilt auch für zuammengesetzte Wörter und Wörter, in denen “ee“ (eins) anderweitig Bestandteil ist.
Ee, een, eenem,eener, eens ein, eine, einem, einer, eins, eins. Langes betontes „e“. Zahlwort.  „Mer hon een Junge un zwee Maare.“ (Wir haben einen Jungen und zwei Mädchen.) „Dos hot ee Appelsine gässe. (Sie hat eine – einzige – Apfelsine gegessen.) „Se hon nür ee Küh.“ (Sie haben nur eine - einzige - Kuh.) „Hie ged’s nuer ee Geschäft.“ (Hier gibt es nur ein – einziges - Geschäft.) „Mer hon nür med eenem –ennzije- Junge, eener – eenzije - Küh, eenem - eenzije -  Maadche ze dünn.“ (Wir haben es nur mit einem  einzigen Jungen, einer einzigen Frau, einem einzigen Mädchen zu tun.)
eefach – einfach; eemuul – einmal
Beachte: Gelegentlich kann fraglich sein, ob es sich um den
unbestimmten Artikel oder um das Zahlwort handelt. Kann der Satz mit „eenzich, eenzijje“ ergänzt werden, handelt es sich um ein Zahlwort.

c) Die Ortsbezeichnung „in“ ist ueberall „ee“ zu schreiben. Dies gilt auch für Wörter, in denen „ee“ (in) Vorsilbe oder sonst Wortbestandteil ist.
ee – in. Langes betontes „e“. Hem: Ee dämm Jipp ärre  Briebdasche.“ (In dieser Jacke ist eine Brieftasche.)Wun.: Da Vadder äss ee de Stoodt gefohre. Hä wärd woll ee zwee Stunne werra do sei.“ (Vater ist in die Stadt gefahen. Er wird wohl in  zwei Stunden wieder da sein.)
Die Schreibweise „eh“ scheidet aus,weil das Längungs - „h“ in dem entsprechenden hochdeutschen Wort nicht vorkommt (Birkefehler Schreibregeln, Buchst d,bb).
nee – hinein. Hem: Gemma nee ee de guüre Stuwwe? (Gehen wir hinein in die gute Stube?)

d) Der hochdeutschen Endung „-er“ entspricht in der Regel ein „-a“.
In der Regel spricht man das Buchstabenpaar (Endungs-) „er“ wie im Hochdeutschen als kurzes „a“. Ebenso wie das gesprochene Hochdeutsch – eher ausgeprägter – vokalisiert die Mundart „r“ gegen „a“. Da sie wesentlich stärker als das Hochdeutsche durch das gesprochene Wort geprägt wird, liegt es näher, Stremmel und Moehn zu folgen, also z. B. „fea(r)“ (nicht fer – für), „wua(r)“ (nicht wur - wahr), „Dia“(nicht Dier – Tier) zu schreiben. Allerdings wird zu berücksichtigen sein, dass übermäßige Verfremdungseffekte auch hier vermieden werden sollten und eine abweichende Tradition – sofern  aus dem mundartlichen Schrifttum belegbar – zu berücksichtigen sind.  
Es ist auch nicht auszuschließen, dass die Schreibweise „-er“ im einzelnen Falle dem gesprochene Wort näher steht als ein „a„. Die Schreibweise mit „-a“ kann daher nur die Regel bilden und duldet (begruüdungspflichtige) Ausnahmen.
z.B.: jeher (Fdg) – jeher (-er steht dem gesprochenen Wort näher.)
Jehonga (Fdg) – Jähunger Jehrlingsdiache, Jehrlingsdiacha(Fdg) – das, die Jährlingstierchen; Jibbcha (Hem) – Jacken (Pl.);
Joma (Fdg) - Jammer;
Juckpulva (Gkh) – Juckpulver);
Quatscha (Wun) – Quatscher;
quäa (Bgh, Hem) – quer;
AalaAlter;
Arwa Arbeiter;
ÄggaAcker;
AllaEltern;
anna Geschwisder Känne;
näranieder;
Arja – Ärger;
awwa- aber;
Dalla - Teller;
Dicha Tücher;
drewwadrüber.
 
e) Die Länge eines Umlauts wird nicht besonders ausgewiesen; der Umlaut wird nicht verdoppelt und auch nicht mit „h“ gelängt. Das Verdoppelungsverbot gilt nur für die hier angewandte Schreibweise (ae, oe, ue), nicht dagegen, falls man ä, ö, ü schreibt.
Bei der in dieser Online – Fassung nicht vermeidbaren Schreibweise (ae, oe, u) wirkt die Verdoppelung meist irriitierend und eher als Karrikatur aees, oeoe).Sie unterbleibt also. Das wirkt sich kaum nachteilig aus, da die Umlaute in der Regel von Natur lang sind. Die wenigen kurzen Fälle nötigen nicht dazu, den langen Regelfall besonders zu kennzeichnen.

f) Alertshausener, Feudinger und Wunderthausener Varianten: Die Schreibweise für die Wunderthausener Varianten lehnt sich an Christa Homrighausen, Wunderthäuser Dialektarchiv, an.
Die Schreibweise für die Alertshausener Varianten folgt in der Regel Karl Zoll, Mundart in Alertshausen im Wittgensteiner Land.
Die Schreibweise für die Feudinger Varianten ist in der Regel Christian Hackler, Feudingen in seiner Mundart, entnommen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Title
Imressum:

Dr. Peter Kickartz, 57319 Bad Berleburg - Hemschlar, Hof Rinthersbach. Postalisch: 52074 Aachen, Hans Böckler - Allee 3
Zurück zum Seiteninhalt